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Das VNS – kurz und anschaulich

Leider lässt sich das Vegetative Nervensystem nicht so einfach und charmant wie den Darm erklären. Verdient hätte es das VNS, nur ist es leider in unserem Bewusstsein nicht so präsent. Es gibt nicht wirklich was zum Riechen, Schauen, Hören oder Anfassen.

Die drei Buchstaben VNS stehen für vegetatives Nervensystem. Viele Menschen können mit diesem Teil des Gehirns überhaupt nichts anfangen. Und die Tatsache, dass es sich willentlich nicht beeinflussen lässt, fördert eher Skepsis als Faszination. Vor allem dann, wenn der Zustand dieses unzugängliche Systems gemessen und bewertet werden soll. Nicht anderes geschieht bei einer Herzratenvariabilitäts-Messung. Ärzte und Therapeuten stehen also vor dem Problem: „Wie erkläre ich das VNS, ohne dass mein Gegenüber ein Medizinstudium braucht?“

Leider lässt sich das VNS nicht so einfach und charmant wie den Darm erklären. Verdient hätte es das VNS, nur ist es leider in unserem Bewusstsein nicht so präsent. Die Arbeit des Verdauungssystems bekommen wir jeden Tag live mit. Auch übt der Darm eine eklig-schmutzige Faszination auf uns aus. Alles Dinge, die das VNS erstmal nicht bieten kann. Es gibt nicht wirklich was zum Riechen, Schauen, Hören oder Anfassen.

Das einzige VNS-Lehrbuch

Das VNS hat alle unsere Organe im Griff und wir tun uns schwer zu begreifen, was da in uns vor sich geht. Wer mehr wissen möchte, für den gibt es genau ein Lehrbuch über das VNS: Das autonome Nervensystem. Das Zitat von Vinik im Vorwort „Know autonomic neuropathy and you will know the whole of medicine“ lässt einen zwar Hoffnung schöpfen, die nachfolgenden fast 400 Seiten verdeutlichen aber recht schnell: Mit einfachen Erklärungen tut man sich hier schwer.

Erklärungsversuche aus der Praxis

Nach einem Jahr Bloggen kann ich zum VNS keine korrekte anatomische Beschreibung in drei leichtverständlichen Sätzen bieten, aber verdeutlichende Beispiele, Bilder und Geschichten. In Gesprächen mit Experten und bei meinen Recherchen habe ich sie gesammelt. An den besten möchte ich Sie nun teilhaben lassen.

 

Der Kutscher

Dr. Wolfgang Pflederer ist ärztlicher Direktor in der TCM Klinik Illertal. Der Internist und Kardiologe nutzt die Herzratenvariabilität (HRV) im Klinikalltag und zu Studienzwecken. Das VNS beschrieb er mir als einen Kutscher. Auf seinem Kutschbock thronend hält er die Zügel für seine Pferde fest in den Händen. Mit ihnen dirigiert er sie ans Ziel. Mal lässt er die Pferde schneller, mal langsamer laufen. Er behält immer die Kontrolle über ihr Tun und lässt die Zügel niemals los während der Fahrt.

Der Kutscher ist eine passende Beschreibung, weil sie sehr schön veranschaulicht, wie das VNS seine beiden Hauptakteure Sympathikus und Parasympathikus zur Steuerung nutzt. Auch wird deutlich, dass immer beide aktiv sind, jeweils mal mehr und mal weniger.

Das Betriebssystem

Kein anderes Bild für das VNS hätte ich von Michael Lutz, Geschäftsführer der Firma BITsoft, erwartet: Nur das Betriebssystem ermöglicht es, auf komfortable Weise Computerprogramme wie beispielsweis Word oder Excel zu nutzen. Es hält alle Funktionen bereit, unterstützt aber eher im Hintergrund.

Bei diesem Vergleich wird vor allem die Abhängigkeit des Organismus vom VNS gut dargestellt. Wenn das Betriebssystem einen Fehler hat oder veraltet ist, dann laufen auch die Programme nicht mehr richtig. Ganz ähnlich sieht es aus, wenn die Leistung des VNS abnimmt, denn dann beeinträchtigt das die Abläufe im ganzen Körper.

Der Hausmeister

In dem Taschenbuch „Das kleine Buch vom Gehirn – Reiseführer in ein unbekanntes Land“ fand ich das Beispiel des Hausmeisters: „Der organsteuernde Teil des Nervensystems gleicht einem Hausmeisterservice, der sich um die Versorgung mit Gas und Strom sowie um die Reparaturen in einem Mehrfachfamilienhaus kümmert, allerdings ohne dass die Mieter ihn sehen oder telefonisch erreichen können.“

Unseren Hausmeister sehe ich zwar hin und wieder und kann ihn auch anrufen, wenn es Probleme gibt, trotzdem gefällt mir dieses Beispiel. Es zeigt, dass wir uns über viele Dinge in unserem Leben keine Gedanken machen und sie erst wahrnehmen, wenn sie sich negativ verändern.

Die Heizungsanlage

Die Geschichte von der kalten Heizung erzählte mir Michael Gorsolke, Geschäftsführer der Firma Commit GmbH. Gerne stellt er bei Schulungen die Frage, was man denn tun könnte, wenn die Heizung kalt bleibt. Seinen Vorschlag, sie mit einem Fön zu erwärmen, lehnen seine Zuhörer selbstverständlich lachend ab. Allen ist klar, dass sich das Problem nur im Heizungskeller lösen lässt.

Und die "Moral" von der Geschichte ist: Nicht nur an den Symptomen "herumdoktern", sondern auch mal einen Blick auf das ganze System werfen.

Mein Fazit

Das VNS arbeitet genial. Auch wenn die erklärenden Analogien nicht für einen Bestseller reichen, so bringen sie doch schon mal Fantasie und Kreativität in das medizinisch anspruchsvolle Thema. Froh bin ich auch, dass es für das altgediente Sinnbild von Gaspedal und Bremse Alternativen gibt. Es ist zwar eine nette Umschreibung von Sympathikus und Parasympathikus. Doch mal ehrlich: Wer gibt Gas und steht gleichzeitig auf der Bremse?

P.S.: Wenn Sie auch noch ein gutes Beispiel oder eine schöne Geschichte für mich haben, schreiben Sie mir bitte einen Kommentar!

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Nicole Franke-Gricksch

Hauptberuflich arbeite ich als Journalistin. Ich habe mich auf die Themen Gesundheit, Fitness und Ernährung spezialisiert. Seit einigen Jahren bin ich Chefredakteurin der Publikumszeitschrift Gesunde Medizin. Außerdem betreue ich noch verschiedene Kundenmagazine in der kompletten Abwicklung, also von der ersten Idee eines Beitrags bis zum druckfertigen Produkt.

Vor vielen Jahren habe ich die Heilpraktiker-Ausbildung gemacht und sogar im Anschluss die Prüfung schon beim ersten Versuch bestanden. Den Beruf auch auszuüben, hat sich in den letzten Jahren leider nicht ergeben. Ich wusste einfach nicht, mit was und wie ich therapieren sollte. Auch blieben damals meine Bemühungen, in Praktika Erfahrungen sammeln zu können, erfolglos.

Das Thema Herzratenvariabilität habe ich im Rahmen meiner journalistischen Arbeit kennengelernt. Ich bekam das Angebot, eine Langzeitmessung auszuprobieren, um dann darüber zu berichten. Das Signal hat mich sofort fasziniert, aber verstanden, was da genau gemessen wird, habe ich damals nicht.

Nach über 20 Jahren Medizin-Journalismus war die Herzratenvariabilität das erste Thema, das mich nicht mehr losgelassen hat. Mein Ehrgeiz war geweckt, ich wollte es verstehen und mehr darüber erfahren. Schnell musste ich feststellen, dass der Einstieg für Anfänger nicht gerade leicht ist. Zum Glück verfüge ich als Journalistin über die Möglichkeit, Experten zu befragen, ohne unangenehm aufzufallen. Stück für Stück konnte ich mich so in die Materie langsam einarbeiten.

Für mich war es bald ein großes Anliegen, das Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zusammen mit Jens-Falk Heimann habe ich das Buch Der Puls des Lebens – Die Signale des Herzens verstehen (24,90 Euro, PACs Verlag) geschrieben. Mir war wichtig, dass das Buch einen leichtverständlichen Einstieg in das Thema Herzratenvariabilität bietet. Acht Experten haben unsere Arbeit begleitet. Sie berichten im Buch aus ihrer Praxis und Forschung.

Zu meinem Blog.

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