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HRV. Diesmal wird's politisch...

Wer in der Einöde lebt, baut sich kein Krankenhaus. Gesundheit ist also immer eine gesellschaftliche Frage und als solche ein Politikum. heartrates-Gründerin Elis Sonnleitner gibt ein zeitgemäßes Interview zu Primärprävention und vegetativer Diagnostik. Ihre Antworten sind nicht immer die gefälligsten, überraschen aber mit Klarheit. Es geht ihr um modernen Humanismus.

heartrates-Gründerin Elis Sonnleitner

„Wer Träume nicht ernst nimmt, spielt nur mit dem Traum. Wir leben von Möglichkeiten und sterben an Wirklichkeiten.“  – Hans Kudszus –

Trotz bahnbrechender medizinischer Errungenschaften, aberwitzig vieler Gesundheitsangebote und einer durchschnittlich höheren Lebenserwartung – höher als früher und merklich höher in den oberen Gesellschaftsschichten – ist der postindustrielle Mensch gemeinhin übermüdet, belastet, gestresst und weniger gesund, als es wünschenswert und möglich wäre. Gesund zu sein, gesund zu bleiben und wieder gesund zu werden sind Themen so alt wie die Menschheit selbst. Zu einem Gespräch über Vorsorgemedizin, vegetative Funktionsdiagnostik und Gesundheit im Allgemeinen traf ich zum Jahresauftakt  Elis Sonnleitner in der Siebensterngasse. Sie beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Messungen der Herzratenvariabilität (HRV) und gründete 2015 die Firma heartrates, deren Motto lautet: Gesundheit messen. Besser leben.  Aber heartrates ist nicht nur eine Firma für Gesundheitsdienstleistungen, sondern auch ein Pionier in der Präventionsmedizin, die Laien zugänglich gemacht werden soll und bietet, wie es der Name „Herzraten“ bereits verrät, 24 Stunden-HRV-Messungen zur Erhebung des gesundheitlichen Status Quo. Das Besondere daran? – Ein Interview von Elisa Ludwig

Warum ist Prävention heute wichtig, wenn es ohnehin die moderne Medizin gibt, die schon sehr fortgeschritten ist?

Schauen Sie, wenn Sie im Sattel sitzen, fühlen Sie sich doch auch wohler, wenn der Reifen noch nicht geflickt wurde, oder? Die Anzahl der sogenannten Zivilisationskrankheiten steigt nach wie vor, immer jüngere PatientInnen sind davon betroffen. Die mit Abstand häufigste Todesursache in der westlichen Welt sind nach wie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gefolgt von bösartigen Tumoren, Erkrankungen der Atemwege und Folgen des Typ-II-Diabetes. Nicht zuletzt nehmen psychische Erkrankungen wie Depression, Burnout oder Angststörungen vehement zu, ganz zu schweigen von Beschwerden wie Schlafstörungen, Muskel- und Skeletterkrankungen, Stoffwechselauffälligkeiten, Abhängigkeiten und Suchtproblemen. Daran ändert auch die moderne Medizin nichts, ungeachtet all ihrer Fortschritte. Zudem wäre eine Unterscheidung zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiär-Prävention hier angebracht. Gesundheitliche Einbrüche können durch Primärprävention, zu der auch die Messungen der Herzratenvariabilität (HRV) gehören, verhindert werden. Ist es bereits zu Einschnitten in der Gesundheit gekommen, eignet sich die HRV wiederum hervorragend, um den Genesungsverlauf abzubilden und durch gezielte Maßnahmen zu unterstützen. Die moderne Medizin behandelt Krankheiten. Die Förderung von Gesundheit kommt da viel zu kurz.

Sie meinen also, Fortschritt bringt nichts? Oder wie ist dies zu verstehen?

Im Gegenteil, ich bin froh, dass meine Eltern nicht vor 100 oder gar vor 500 Jahren gelebt haben. Fortschritt ist ein historisches Faktum. Als Kollektiv indes könnten wir uns insgesamt fortschrittlicher und interdisziplinär organisieren. Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky versteht in seinem Modell der Salutogenese Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess! Bereits in den 1980er Jahren prägte er diesen Begriff komplementär zu jenem der Pathogenese. Davon ausgehend, fehlt uns gesellschaftlich zum einen die Gesundheitsbildung. Die relative Ahnungslosigkeit der Bevölkerung  in Bezug auf ihren körperlichen und psychischen Zustand ist erschreckend. In den Schulen gibt es kein Unterrichtsfach „Gesundheit“, außer dem Biologieunterricht also keinerlei medizinische Unterweisung. Wir sind demnach verurteilt zu einer Art Wehrlosigkeit in fundamentalen Dingen, die etwas Mittelalterliches an sich hat, wenn man die diagnostischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte bedenkt. Was die Medizin wirklich modern machen würde, wäre Gesundheitsbildung, also die Befähigung des Einzelnen zu einem qualifizierten Urteil über sich selbst.

Der Fokus sollte dabei auf Praxistauglichkeit liegen. Wenn ich für mich eine praktische Relevanz erkennen kann, die zudem positiv aufgeladen ist, kann ich mir komplexe Inhalte auch merken und an andere weitergeben.

Und zum anderen?

Auch die Wirtschaft sollte umdenken lernen. Unternehmen zahlen einen viel zu hohen Preis für die grassierende Atemlosigkeit – MitarbeiterInnen im Burnout sind extrem teuer. Wer übermüdet und kaputt ist, wird wenig produktiv sein und vor allem selten kreativ. Aus aktuellen Statistiken geht hervor, dass ca. 50% aller Beschäftigten innerlich bereits gekündigt haben. Diese Problematik wird als „Präsentismus“ (von Präsenz – Anwesenheit) bezeichnet. Zu den gesünderen Unternehmen gehört man heutzutage schon, wenn wenigstens 60% der Belegschaft motiviert sind (McKinsey Studie). Durch Präsentismus als einem Verschleiß der menschlichen Ressource entstehen für ein Unternehmen vier Mal so hohe Kosten im Vergleich zu Absentismus und medizinischer Behandlung. Wäre es, nur um einen Vergleich zu wagen, denn so falsch, von „Kollektivdepression“ zu sprechen?!

Mit anderen Worten, nicht nur subjektiv ist mangelndes Bewusstsein in diesen Lebensbereichen schädlich, sondern auch objektiv, in Hinblick auf soziale und ökonomische Zielsetzungen. Prävention ist zu einem Produktionsfaktor geworden, vorausgesetzt, der Umgang mit Menschen soll menschlich bleiben.

Funktionen des Vegetativen Nervensystems

Macht Arbeit also krank? Welche Art von Umdenken schwebt Ihnen da vor?

Der Faktor „Arbeit“ ist in Österreich steuerlich stark belastet. Eine bessere Aufteilung des Arbeitsvolumens ohne Nachteile, was Vorrückungen oder Pensionen angeht, eine Arbeitszeitflexibilisierung in Branchen, wo sie sinnvoll ist, eine Abflachung der Lohnkurve usw.… es gäbe noch einiges zu tun. Mit einem 6,5 Stunden Arbeitstag (32,5 Wochenstunden bei vollem Lohn- und Gehaltsausgleich) bliebe ausreichend Zeit, gesundheitlichen Gebrechen vorzubeugen und tatsächlich zu regenerieren, was sich wiederum positiv auf die Arbeitsleistung, Anzahl der Krankenstandstage etc. auswirken und den Sozialversicherungen Millionenbeträge ersparen würde. Kürzer arbeiten – leichter leben.

Wie realistisch ist dieser Vorschlag? Hierzulande tritt die Wirtschaftskammer für eine Legalisierung des 12-Stunden-Tages ein. In Österreich gelten die im EU-Vergleich ohnedies hohen Lohnnebenkosten gemeinhin als Jobkiller. Hinzu kommen restriktive Arbeitszeitregelungen, auch sonst eine Verschärfung des Arbeitsrechts…

Gesundheit ist in vielerlei Hinsicht ein Politikum. Seit heuer können sich Start-Ups durch das von der Bundesregierung verabschiedete „Start-Up-Paket“ zumindest teilweise die Lohnnebenkosten zurückholen. De facto sollte aber auch über Alternativen zur umstrittenen Senkung der Lohnnebenkosten nachgedacht werden. An einer zeitgemäßen Besteuerung von Wertschöpfung  oder an der Kapital- und Eigentumsbesteuerung führt sozusagen kein Weg vorbei. Das Ziel, versteht sich, sollte ein flächendeckendes, engmaschiges demokratisches Gesundheitswesen sein, in dessen Mittelpunkt tatsächlich der Mensch steht und nicht der Lohnsklave.

 

Tatsache ist, dass die gesundheitliche Grundversorgung schlechter und nicht besser wird…

Ich weiß. Das ist ein allgemeiner Trend, ausgelöst durch die gefährliche Einführung der Profitmaximen ins Gesundheitssystem. In Simmering, dem 11. Wiener Gemeindebezirk, beispielsweise gibt es nahezu keine KinderärztInnen mit Kassenvertrag mehr, die Schlaflabore schließen, die Wartezeiten bei OPs in öffentlichen Spitälern werden noch länger, als sie es ohnedies schon sind… Überspitzt ausgedrückt, wachsen die Kids breiter Schichten in Kinderbetreuungseinrichtungen auf, die Alten dämmern im Altersheim vor sich hin, und die Generation dazwischen leidet am vegetativen Erschöpfungssyndrom, kurz an Burnout. Wir stecken in einer Sackgasse. Es bräuchte dringend einen gesellschaftlichen Dialog, um sinnvolle Handlungsspielräume zu diskutieren und einen Wandel zu ermöglichen.

Hat die Vorsorgemedizin schlussendlich versagt?

Die Vorsorgemedizin predigt seit Jahrzehnten, wie wichtig es wäre, sich zu bewegen oder die Zeit für selbstgekochtes Essen aufzuwenden. Bloß, der Tag hat nur 24 Stunden – für die Spitzenmanagerin mit Kindermädchen und Putzfrau gleichermaßen wie für alleinerziehende Mütter oder Väter. Letztere haben aber neben Job, Haushalt und Kindern einfach keine Luft mehr, um sich auch noch (gesundheitsfördernder) Freizeitbetätigungen zu widmen, und, mitbedingt durch den Gender Pay Gap, zu geringe Einkommen für Dinge, die gut tun und fair gehandelt werden – seien es nun Bioprodukte, Yogakurse, funktionale Fitness oder dergleichen. Jegliche verbindliche Definition von Gesundheit ist erfahrungsgemäß höchst problematisch. Allzu schnell wird das alles ideologisch aufgeladen.

Das Diktat zur Selbstoptimierung, das Insourcing der Verantwortung, das Austragen des Politischen im moralischen Register – wie es Chantal Mouffe in „Über das Politische“ beschreibt – dient zahlreichen Absichten. Ein Beispiel: Rauchen ist belegtermaßen nachträglich für die Gesundheit. Rauchen ist also dumm. Also muss, wer raucht, dumm sein. Moralisierung hat stets eine entpolitisierende Wirkung: Sie trennt uns von anderen und sagt uns, was richtig und falsch ist. Anstatt besserer Wohnungen, eines bedingungslosen Grundeinkommens und einer lückenlosen Gesundheitsversorgung erhebt die Moral ihren Zeigefinger und die Solidarität schwindet. Insbesondere lohnabhängige, bildungsferne, in der Regel weniger gesund lebende Bevölkerungsgruppen wie beispielsweise SozialhilfeempfängerInnen bekommen dies oft tagtäglich zu spüren. Nicht grundlos ist das Thema kleinbürgerliche Bio-Moral in aller Munde. Es dient dem Reinwaschen des Gewissens, ohne die Lebensbedingungen anzutasten. Renata Salecl, eine slowenische Philosophin und Psychologin, spricht in „Die Tyrannei der Freiheit“ auch vom Zwang, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen und von „moralischem Versagen“: „Gesundheitliche Probleme werden zur schlimmsten Sünde der Einzelnen. Wie der Angestellte, der sich schuldig fühlt, wenn er seine Arbeit verliert, weil er unfähig war, rechtzeitig eine neue zu finden, fühlen sich Kranke schuldig, weil sie ihre Krankheit nicht verhindert haben.“

Ich halte jedenfalls nichts davon, strukturelle Probleme dem Einzelnen aufzubürden. Sehr viele Menschen leben ohnehin schon in einem Limbus der Unsicherheit, jonglieren und managen ihre übermäßig belastete Zeit und entwickeln Strategien mit dieser Unsicherheit möglichst konstruktiv umzugehen. Wie viele gleichsam der Massenhypnose „Selbstverwirklichung“, „Selbstentwicklung“, „Selbstwachstum“ auf dem Leim gehen und für wie lange werden wir ja merken. Der Abbau des Wohlfahrtsstaats macht vor der Gesundheit nicht plötzlich halt. Seither sind wir mit einem stetig wachsenden Prekariat ohne Zukunftsperspektiven konfrontiert, nicht nur im Niedriglohnbereich. Was die Gesundheit anbelangt, weisen Gesundheitswissenschaftler wie Stuckler und Basu nicht grundlos darauf hin, dass die Postleitzahl „einer der wichtigsten Faktoren für die Berechnung der Lebenserwartung“ geworden ist. Langlebigkeit ist eine Klassenfrage. Gesellschaftsschichten, die von Armut betroffen sind, werden schneller alt und leichter krank. Eine medizinisch fundierte Erklärung des „sozialen Gradienten“, dessen Hauptursache im psychosozialen Stress aufgrund von Rangunterschieden liegt, ist heutzutage aus der Prävention nicht mehr wegzudenken.

Auch gemäß Richard Wilkinson, einem anerkannten Gesundheitswissenschaftler und Equality-Trust-Mitbegründer, ist Ungleichheit die Ursache fast aller sozialen Probleme in Industrienationen.

Sie erwähnten eingangs die diagnostischen Möglichkeiten infolge der digitalen Revolution. Sind diese beim Konsumenten, wenn man so will, auch angekommen?

Die Vorteile und Möglichkeiten der Prävention, insbesondere der vegetativen Funktionsdiagnostik haben sich dem medizinischen Laien wohl noch nicht erschlossen. Allein beim Wort „Herzratenvariabilität“ (HRV), sprich der Messung der unterschiedlichen Amplituden und Abstände der Herzschläge, greifen sich die meisten auf den Kopf. Dass mittels HRV tatsächlich das vegetative Nervensystem gemessen werden kann, also das übergeordnete Regulationssystem schlechthin, das sämtliche untergeordnete Organe und Organsysteme steuert, mutet der Mehrheit noch als Science Fiction an.

Man/frau ist als PatientIn daran gewöhnt, dass punktuelle Untersuchungen nur punktuelle Ergebnisse zu Tage befördern – was erfasst eine HRV-Langzeitmessung?

Sie sind gut informiert (schmunzelt). Durch die HRV lässt sich die Lücke zwischen Befund und Befindlichkeit endlich schließen. Das Vegetativum steuert den Schlaf- und Wachrhythmus, den Stoffwechsel, die Drüsenfunktionen, die Aktivierung für „fight or flight“ sowie „rest and digest“, die innere Balance, auch Homöostase genannt, die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Sexualfunktionen, die Atmung, die Thermoregulation – also eine ganze Menge! Wenn etwas so Essentielles wie das vegetative Nervensystem gemessen werden kann, dann sollte es auch gemessen werden.

Angeblich berücksichtigt eine Langzeit-HRV-Messung über 30 Parameter während der Messung. Wer soll da durchblicken?

Die größte Tragödie ist es, seine eigene Biografie zu leben ohne die Kenntnis ihrer körperlichen und psychischen Einflussgrößen. Die Messung der Herzratenvariabiliät ist, so gesehen, ein wahrer Befreiungsschlag. Mit ihr werden nicht nur die entscheidenden Parameter gemessen und in einem Coaching entschlüsselt und in die richtige Relation gesetzt, nein, auch die Gesundheitsbildung kommt nicht zu kurz.

Dabei muss keiner zum Mathematiker seiner Messdaten werden. Dafür gibt es Profis, die eine verständliche Interpretation der Daten und sofort umsetzbare Interventionen liefern. Der Klient oder die Klientin lernt, Zusammenhänge im Körper besser zu verstehen, Signale „fehlerfrei“ zu beurteilen und kann so insgesamt besser auf sich eingehen. Darüberhinaus sind nicht unzählige HRV-Messungen nötig, um den Benefit voll ausschöpfen zu können.

Mit Verstehen fängt alles an? Einsicht ändert das Verhalten oft gar nicht. Wie gehen Sie damit um?

Etwas „zu begreifen“ kann jedenfalls nicht schaden. Dem klassischen Kassenmediziner fehlt für Gesundheitsbildung schlichtweg die Zeit, da er unter finanziellem Druck steht und dem Sachzwang Krankenschein ausgeliefert ist. Und die Apps und Gadgets, die am Markt wie Schwammerl aus der Erde schießen, greifen zu kurz, das Erkennen der Zusammenhänge bleibt dem Einzelnen überlassen. Die Selbstdiagnosen sehen dann oft recht nebulös aus. Da hilft auch keine noch so günstige App und das Gadget liegt drei Wochen später in der Ecke und setzt Staub an…

Wie sollte man sich Ihrer Meinung nach erklären, dass heutzutage so ziemlich alles zwanghaft gezählt wird? Ob es nun Schritte, Kalorien, Trainingseinheiten oder Herzschläge sind?  Stichwort „Quantified-Self-Bewegung“ oder „Lifelogging“ ...

Auch der HRV passiert allzu schnell, dass sie in die  Selbstoptimierungs-Schublade geordnet wird, weil man ihr unterstellt, dass sie perfekt ins Leben dessen, was Philip Mirowski „den idealen neoliberalen Akteur“ genannt hat, passt. Genau genommen, ist das Ziel einer HRV-Messung aber nicht die Selbstoptimierung, sondern die Verhinderung von gesundheitlichen Einbrüchen. Die Gefahr einer rigiden Lebensführung im Sinne der Gesundheit – bis hin zur Selbstgeißelung – kann konterkariert werden, indem auch die intellektuelle Gesundheit dazugerechnet wird. Zwar diktiert die Chronobiologie dem Körper eine gewisse Regelmäßigkeit der Abläufe. Allerdings sind soziale Interaktion, mentale Aktivität und psychische Bindungsfähigkeit nachweislich ebenso wichtige Faktoren in der Vermeidung von Erkrankungen. Allem voran sind dies, wie gesagt, gesundheitsfördernde Freizeitaktivitäten.

Eine sorgfältige Beobachtung des Körpers wird zu erhöhter Leistung führen. Somit ist es doch eine Methode, sich produktiver zu machen?

Letztlich geht es bei der HRV darum, die Leistungsfähigkeit des Körpers für die Zukunft sichern zu helfen, weil sie höhere Mobilität und Autonomie im Alter bedeutet und daher auch einen höheren Grad an Freiheit und Zufriedenheit. In einer totalen Leistungsgesellschaft wie unserer ist es nötig, sich hinsichtlich Selbstausbeutung und Raubbau zu sensibilisieren. Langzeiteinwirkungen zeitigen Langzeitfolgen – eine Milchmädchenrechnung, vor der nur wenige ausgenommen sind.

Erhofft sich der eine, meinetwegen, bessere Karten für den Konkurrenzkampf, steht für den anderen „schneller an den Kern der Sache“ zu geraten im Vordergrund und sich dadurch viele Wege und Frustrationen zu ersparen. Bloß weil man sich für die eigene Schlafqualität interessiert oder allgemein wissen möchte, ob die Selbstwahrnehmung mit objektiven Messdaten übereinstimmt, ist man noch kein neo-orwellianischer Kontrollfreak.

Kleine Veränderungen im Lebensstil können Großes bewirken! Menschen lernen, ihren 24-Stunden-Spielfilm (die Dauer einer Messung) aus anfangs ungewohnten Perspektiven zu reflektieren. Das Bier oder der Wein nach Feierabend sind selten das Problem, vielmehr sind die Kontexte und ein natürliches Pendeln zwischen Anspannung und Entspannung zentral. Gewohnheiten sind nicht mehr als Gewohnheiten, alles was Mal wiederholt wird, baut eine Synapse im Gehirn. Über die Wiederholung von Gewohnheiten, die sich am Wohlfühlen orientieren, schafft man eine neue Mischung, wenn Sie so wollen, das Milieu verändert sich zum Besseren.

Aber vielleicht ist das Verhalten der Selbstquantifizierer doch als ein Ausdruck von Narzissmus zu verstehen oder gar als Bereitschaft, den eigenen Körper zum perfekten Produkt zu machen?

Das klingt für meine Ohren zu einfach, oder einfach zu postmodern. Kompetenzen im Selbstmanagement  zu entwickeln, weil man über sich und seinen Körper dazulernt, bedeutet für mich nicht, dass man zwangsläufig und automatisch zur Unternehmerin der eigenen Möglichkeiten wird. Es geht um Aufklärung, Wissenstransfer und Demokratisierung von Medizin. Zuverlässige Entscheidungsgrundlagen ermächtigen den Menschen. Ob man letzten Endes etwa auf Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll setzt, bleibt jedem selbst überlassen. Unbestritten ist wenigstens, dass wir zu einem großen Teil Einfluss auf unsere Lebensqualität nehmen können – im Jetzt, in naher Zukunft, im Altern als solchem. Bedauerlicherweise gerät in einer auf Ausbeutung und Selbstausbeutung ausgerichteten Gesellschaft leicht aus dem Blick, dass Lebensstil, Ernährung, Bewegung und Ähnliches allem voran Lebensqualität bedeuten und darum in Hinblick auf ein gutes, freudvolles und selbstbestimmtes Leben gedacht und verstanden werden sollen.

Darüber, dass unser Gesundheitssystem nicht so fair, offen und fortschrittlich ist, besteht kein Zweifel. Immerhin übernehmen – zumindest was die HRV angeht – zunehmend Krankenkassen einen Teil der Untersuchungskosten und auch heartrates bietet Sozialtarife.

Wenn etwas wie das Vegetativum gemessen werden kann, dann soll es demnach auch gemessen werden?

Neben einem immer notwendigeren öko-sozialen Wirtschaftssystem geht es da vor allem um die bio-psycho-soziale Entwicklung unserer Gesellschaft und ihrer Individuen, um Gemeinschaft, um Lebensglück, seine Bedingungen und die Entfaltung unserer biologischen Potenziale. Gesundheit ist, gewiss, ein wesentlicher Teil davon. Zwar lässt sich darüber streiten, was wirklich gesund ist, was ungesund ist, weiß man aber ganz sicher. Genetische Substanz, Naturell und soziales Umfeld, Tätigkeitsgrad und Entspannungswert, Lebens- und Ernährungsweise und viele andere Faktoren greifen biografisch ineinander und ergeben zu guter Letzt jenes Schicksal, das uns einzeln ereilt.

Als homo politicus und Aufklärer, als Dandy und Lilienpoet bringt Oscar Wilde, den der österreichische Schriftsteller Richard Schuberth einmal sehr treffend als den „Kurzstreckenläufer der Reflexion“ bezeichnete Altern auf den Punkt wie kaum jemand anderer: „Die Tragödie des Alters ist nicht, dass man alt ist, sondern dass man jung ist.“ In der Tat birgt der Alterungsprozess, der „Weg alles Irdischen“, eine Reihe von bio-psycho-sozialen Herausforderungen. HRV-Messungen sind sozusagen das unfehlbare Spiegelbild des vegetativen Nervensystems, dem wichtigsten Bezugspunkt für die Beurteilung der gesundheitlichen Gesamtverfassung. Seinen Zustand durch die Messung der Herzratenvariabiliät diagnostizieren zu können, ist einer der größten Meilensteine in der Medizin. Seit 1963 wurden weltweit mehr als 20.000 Studien dazu durchgeführt. Nun ist es an der Zeit, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und entsprechend zu handeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

in Bälde auf políticas - Die solidarische Perspektive.

Políticas ist ein gesellschaftspolitischer Blog. Er wurde von Elisa Ludwig und Sebastián Bohrn Mena im Frühjahr 2015 gegründet, um kritisch und unabhängig über inter/nationale politische Debatten zu reflektieren. Seit April 2016 wird er ausschließlich von Elisa Ludwig betrieben.

Políticas versteht sich als emanzipatorisches Medium, das gesellschaftliche Zusammenhänge aufgreift, untersucht und Alternativen zu bestehenden Modellen und Systemen beleuchtet. Es nimmt dabei bewusst eine solidarische Haltung ein, stellt also die Aufhebung von Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Unterdrückung auf allen Ebenen in den Fokus der publizistischen Arbeit.

Das Ziel von Políticas ist es, einen Beitrag zu Solidarität, echter Demokratie und Gleichberechtigung zu leisten – indem die präsentierten Texte, Menschen und Initiativen realistische Gegenperspektiven zum Mainstream anbieten.

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Fotoreferenzen:
Elis Sonnleitner by Klaus Vyhnalek
Gesundheitsindex: www.equalitytrust.org.uk
Elisa Ludwig by Christopher Glanzl

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