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Zur Demokratisierung von Gesundheit

Mladen Savic, ein Schriftsteller über die Notwendigkeit eines demokratischeren Verständnisses von Gesundheit:

"Die Belastbarkeit des Menschen ist begrenzt, und die Bedingungen, unter denen er lebt, sind für ihn entscheidend."

„Demokratie heißt, dass sich Leute in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen.“
Max Frisch


Das höchste Gut im Leben

Gesundheit, so sagen die Alten, sei das Wichtigste, gewissermaßen das höchste Gut im Leben. Dort, wo sie fehlt, stellt sie plötzlich alle anderen Werte in den Schatten. Daran hat sich über die Jahrhunderte hinweg nichts geändert. Die Heilkunde hingegen hat geschichtlich einen weiten Weg hinter sich: vom einstigen Schamanen, der seiner Kräuterkunde halber entweder als Medizinmann verehrt oder als Hexe verbrannt wurde, bis zum modernen Arzt, der in der Massengesellschaft von heute helfend eingreift, indem er Diagnosen stellt, sonographiert, Röntgenaufnahmen macht, Medikamente verschreibt und mit Skalpell oder Laser seine Operationen durchführt.

Der sprichwörtliche Bezug zum körperlichen und seelischen Wohlbefinden hat, abseits der scheinbar unausrottbaren Scharlatanerie, die sich zäh hält wie Unwissen und Aberglaube, dennoch einen neuen Drall erhalten. Leistungseinbrüche, Unfälle und Gebrechen bedeuten für ein Mitglied der Gesellschaft nicht mehr zwangsfolgend den Anfang vom Ende, wie in früheren Epochen. Die Stigmata fallen glücklicherweise. Verarztung und Heilung sind gemeinhin zu einem Teil des Alltags der Massen geworden. Es ist berechtigt, in der Moderne von einem gesamten Gesundheitssystem zu sprechen, das die Gesellschaft mittels Medizinfakultäten, Spitälern, Einzelpraxen und Pharmaprodukten institutionell am Laufen hält. Die staatlichen Gesundheitsausgaben belaufen sich im deutschsprachigen Raum, zumindest laut OSZE, auf durchschnittlich acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Für den Staat ist Gesundheit also auch eine Kostenfrage, für die Privatwirtschaft eher eine Einnahmequelle, der ein separater Markt zugrunde liegt, als bedienbare Nische der Bedürftigen sozusagen. Budgetär hält der traditionelle Staat solche öffentlichen Ausgaben möglichst niedrig. Immerhin will er, wie er es in Österreich betreibt, für Sport, Kulturfestivitäten und Religion weitaus mehr ausgeben, von Bankenrettungen aus dem Staatshaushalt ganz zu schweigen. Aus privatwirtschaftlicher Sicht lässt sich, wie gesagt, aus dem Phänomen „Krankheit“ guter Profit schlagen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Allerlei Geräte für Ordinationen und Krankenhäuser werden hergestellt und verkauft, wobei deren Zertifizierung ihren Preis nach oben treibt. Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Kittel und Pillen werden hergestellt und verkauft. Dazu werden verschiedenartige Dienste angeboten. Das Geschäft lohnt sich insgesamt, sonst würde es niemand machen. Die Gesundheitsbranche wächst in Deutschland jährlich um drei bis vier Prozent und setzt in dieser Spanne rund 400 Milliarden Euro um.

Der organisatorische Aufwand des Staates, Apotheker und Doktoren auszubilden, die ganze Bevölkerung klinisch zu versorgen, alle diensthabenden Ärzte zu bezahlen und die nötige Infrastruktur inklusive Räume, Betten, Instrumente und dergleichen zur Verfügung zu stellen und fortwährend aufrechtzuerhalten, ist natürlich gigantisch. Man vergisst das leicht. Dass dem gegenüber private Ärzte und Kliniken durchaus schneller reagieren und effizienter zu handeln imstande sind, mag wenig wundern, zumal diese meist weder für die Ausbildung noch für die Forschung aufkommen, von der sie jeweils profitieren, und zwar unmittelbar. Ohnehin schon bemittelt, sparen sie sich noch dazu Aufwand und Kosten. Und so findet sich am Gesundheitsmarkt so manches, das sich als wirtschaftlich profitabel erweist: Bioprodukte und Homöopathie ohne Wirkung, pharmazeutischer Overkill auf Rezept, esoterische Wellness und grotesker Gesundheitstourismus. Womit genau wird da Handel getrieben?

Was Gesundheit sein soll

Die Gesundheit umfasst, ihrer bislang ungeklärten Definition nach, eine Reihe von physischen, psychischen und sozialen Faktoren, die in sie hineinwirken, sie begünstigen oder behindern, und bezieht sich auf die Funktionsfähigkeit im Leben, die man als allgemeines Wohlergehen und Abwesenheit von Krankheit umschreiben könnte. Allerdings lässt sich, wie neuere neurologische Erkenntnisse nahelegen, dem geläufigen Konzept der Krankheitsentstehung (Pathogenese) ergänzend jenes des Zustandekommens von Gesundheit (Salutogenese) zur Seite stellen. Wesentlich zu sein scheint der Entstehungsprozess, sei von Krankheit, sei es von Gesundheit, kurz, die Entwicklung von beidem in der menschlichen Selbstregulation. Hierbei spielen neben objektiven Rahmenbedingungen die subjektive Widerstandskraft, auch Resilienz genannt, und das Gefühl von Handhabbarkeit eine große Rolle – als förderliche Fähigkeit, mit unterschiedlichen Stressoren und Traumata sinnvoll umzugehen.

Nun ist man bei der Bestimmung der gesundheitlichen Gesamtverfassung immer noch auf das Ermessen einer professionellen Ärzteschaft angewiesen. Was man bei ihr erfährt, ist nicht selten einseitig, bruchstückhaft, fließbandgerecht – der Befund eines Fehlers, eines Mangels, eines Leidens, das dann bereits eingetreten ist. Die sogenannten Götter in Weiß neigen in Summe zu einer Beurteilung im Sinne der Pathogenese. Dadurch stehen für sie im Vordergrund: mehr die Problemfelder und Defizite als die persönlichen Ressourcen, mehr die Vermeidungsvorgaben als die Gesundheitsziele, mehr die isolierte Analyse als der Kontextbezug.

Der administrative Ablauf ihrer beruflichen Tätigkeit und die endlose Menge an Patientinnen und Patienten schmälern die Chancen, völlig anders vorzugehen. Abgerechnet und verdient wird schließlich pro Person und Krankenschein. Aber auch dieser problematische Arbeitsmodus unterliegt, solange der Staat nicht vor leeren Kassen kniet, allmählichen Veränderungen zum Besseren. Technologische Innovationen auf dem Gebiet der Medizin erweitern zudem den Spielraum in Richtung Prävention und rascher Interventionen. Säuretests mithilfe von Lackmuspapier sind von gestern; Puls, Atmung und Herzschlag messende Armbänder gehören vielmehr ins Hier und Jetzt.

Frappierend wirkt freilich die relative Ahnungslosigkeit der Massen im Bezug auf ihren körperlichen und geistigen Zustand, denn es gibt, wenn überhaupt, neben dem Biologieunterricht in der Schule keinerlei medizinische Unterweisung. Dieser Umstand verurteilt viele Menschen zu einer Art Wehrlosigkeit in fundamentalen Dingen, die als solche überflüssig wäre angesichts des gegenwärtigen Kenntnisstands. Mit dem Körper (Soma) kommt man auf die Welt, und mit ihm geht man auch von ihr, und man muss so oder so mit ihm zurechtkommen, einmal abgesehen davon, dass der Geist (Psyche) keine Knetmasse darstellt, die sich beliebig verformen und verbiegen lässt.

Ein inneres Gleichgewicht der Vitalfunktionen muss, im Gegenteil, gewahrt bleiben. Dieser als homöostatisch bezeichnete Ausgleich reicht von der Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn vor Toxinen aus dem Blut schützt, über den Schlafdruck, der in Erholungs-, Traum- und Tiefschlafphasen abgebaut wird, über Hormon- und Energiehaushalt bis zur Thermo- und Osmoregulation, die für eine konstante Körpertemperatur und einen verträglichen Wassergehalt sorgen. Ebenso muss tagtäglich ein gewisser Gleichklang von Aktivierung und Regeneration, von Reiz und Reaktion, von Soma und Psyche bewerkstelligt werden.

Umso erstaunlicher, dass man sich bei all dem modernen Wissen über die menschliche Homöostase dennoch auf keine fixe Definition von Gesundheit geeinigt hat. Vermehrt fließen nun auch soziologische Erkenntnisse in den Versuch ein, den Begriff des Gesunden einigermaßen befriedigend zu bestimmen. Das messbare soziale Gefälle und die Ungleichheit eignen sich bestens, um anhand der Postleitzahl beispielsweise taugliche Vorhersagen darüber zu treffen, wo die Lebenserwartung letztlich wie hoch sein würde. In den Armenvierteln dieser Welt lebt es sich nicht nur individuell kürzer, sondern es lässt sich kollektiv auch eine eindeutige Korrelation aufzeigen zwischen erwartbarem Alter und materieller Gleichheit. Das mag trivial klingen, ist indes aus definitorischer Sicht nicht zu unterschätzen, weil es klammheimlich die Frage stellt, wie demokratisch überhaupt ökonomische Unterschiede sein können, wenn sie Lebenszeit und Lebensqualität mehrheitlich negativ beeinflussen.

Dabei sind unzählige Erkrankungen schleichender Natur. Sie beginnen mit ungesunden Wiederholungsschleifen ein und derselben Aktivität, mit Gewöhnung an belastende Umstände wie Dauerlärm, Leistungsdruck, Zeitstress und schlechte Ernährung, mit Verspannungen, Überbelastungen und stillen Entzündungen, die das Arbeitsleben höchstens am Rande behindern und sich in der Folge nahezu unbemerkt ausbreiten. Sie entspringen einer allzu selbstverständlichen Arbeits- und Lebensweise, die den Bedürfnissen des Marktes und seiner Kapitalträger untergeordnet ist und insofern kaum als artgerecht einzustufen wäre. Menschen tun so einiges, was ihnen naturwüchsig widerstrebt. Die Evolution hat, um ein bekanntes Beispiel aufzugreifen, ständiges Sitzen, das in urbanen Zentren geradezu gesundheitsschädliche Ausmaße annimmt, im menschlichen Bauplan nicht vorgesehen. Daraus erwachsende Krankheiten sind derweil von Bedingungen abhängig, die den persönlichen Einflussbereich übersteigen.

Körperliche Überbelastung hängt mit der unternehmerischen Verfügungsfreiheit über die Ware „Arbeitskraft“ zusammen; seelisches Schinden mit dem vorherrschenden Arbeitsethos der Flexibilität, Produktivität und Selbstausbeutung; Schlafdefizit mit dem betrieblichen Anwesenheitsproblem und den angestammten Dienstzeiten; Fettleibigkeit mit der Nahrungsmittelindustrie und dem Konsum von kurzkettigen Zuckern, gesättigten Fettsäuren, Geschmacksverstärkern usw. Heraus kommen lauter überarbeitete, unausgeschlafene, bewegungsarme, überfütterte und überreizte Gestalten, die vereinzelt einer Gesellschaft dienen, in der sie kaputt gehen. Zynisch klingt es und auch ein bisschen heuchlerisch und herzlos, wenn man vor der vollendeten Tatsache eines derart vorgegebenen Rahmens den Einzelnen dazu auffordert, sich gefälligst um seine Gesundheit zu kümmern, sprich, um sich selbst. Als wäre er durchwegs unmündig oder würde jemals freiwillig erkranken!

Wer seinem biologischen Rhythmus nach zu früh aufstehen muss, soll dann halt früher schlafen gehen und, wenn möglich, auf sein Sozialleben verzichten. Wer in Zeitnot und aus Geldmangel minderwertige Speisen verzehrt, soll sich teure Bionahrung kaufen oder eben weniger essen. Wer Tabak raucht, soll aufhören zu rauchen, und wer Alkohol trinkt, soll nicht mehr trinken. Kurz, man hat sich auf Schritt und Tritt selbst zu beschneiden, um weder Staat noch Wirtschaft auf diese oder jene Weise zu schaden. Doch die Rechnung wurde ohne den Wirt gemacht. Gesundheits- und Krankheitsphänomene lassen sich nicht mehr auf den Einzelmenschen reduzieren und ohne Weiteres auf ihn abwälzen. Die Belastbarkeit des Menschen ist begrenzt, und die Bedingungen, unter denen er lebt, sind für ihn entscheidend. Das Ganze hat sich als Politikum herausgestellt, politisch im ursprünglichen Sinne des Wortes: als Frage, wie und nach welchen Prioritäten man das gemeinschaftliche Zusammenleben einrichtet.

Warum Demokratie nie weh tut

Daraus ergibt sich über kurz oder lang die Forderung nach einer Demokratisierung von Gesundheit. Heutzutage, da die Zwei-Klassen-Medizin, die schlichtweg soziale Selektion bedeutet, wieder in aller Munde ist, würde sie wirklich nottun. Mittellose Menschen in gesundheitlich misslicher Lage können sich in der Regel weder kostenintensive Medikamente noch eine Psychotherapie leisten. Ihre Notlage verdoppelt sich nur. In einem ersten Durchgang werden sie finanziell aussortiert, in einem zweiten zusätzlich zum gesellschaftlichen Ballast erklärt. Dass die bestehende Gesellschaft damit erzählerisch ein Abfallmotiv bedient und ein abfälliges Menschenbild transportiert, versteht sich von selbst.

In neoliberalen Zeiten wie diesen ist nicht mehr der übermächtige Staat das wesentliche Problem der Gegenwart, sondern die tendenzielle Zersetzung der Staatlichkeit durch Marktorientierung und Privatisierung – auch im Bereich der Grundversorgung. Elementare Strukturen zur effektiven Sorge um die Gesundheit der eigenen Bevölkerung fallen dem stückweise zum Opfer. Ungeniert diskutiert man in der Politik zuweilen über die Aufweichung und Rücknahme solcher Strukturen, schließt also Spitäler aus Kostengründen, knebelt Ärzte vertraglich, ruft Patientinnen und Patienten mit Selbstbehalten zur Kasse usw. Statt Ankauf und gegenseitige Nutzung des neuesten technischen Werkzeugs wie etwa Maschinen für bildgebende Diagnostik an erste Stelle zu setzen, verfahren Krankenhäuser nach den Vorgaben einer die Privatwirtschaft hofierenden Politikerkaste.

Die Folge sind Kostenerhöhungen, die das Gesundheitssystem stetig untergraben. Die Magnetresonanzbildgebung ersetzt an sich nicht die Computertomographie und diese ihrerseits nicht das Röntgenbild. Fortschritt kostet, aber der Preis scheint dem Staatshaushalt zu hoch. Dafür haben damit einhergehende Sparmaßnahmen, nicht selten beim Reinigungspersonal, direkte Auswirkungen auf die sanitäre Sicherheit der Heilanstalten. Die politische Priorisierung liegt, wie erwartet, beim Sparen für den Staat und nicht bei der Sorge um die Staatsbürgerinnen und Bürger.

Abgesehen davon, hat es sich weder im Rechtsverständnis noch in der Öffentlichkeit durchgesetzt, psychische Leiden mit physischen gleichzusetzen. Gleichzeitig explodiert die bis zur Arbeitsunfähigkeit führende Zahl der Angststörungen, Depressionen und Burnout-Erkrankungen. Krankheitsfälle infolge seelischer Leiden vervielfachen sich seit Jahrzehnten: Hon.-Prof. Dr. Michael Kierein gibt an, dass 38,1% der europäischen Bevölkerung zumindest einmal im Jahr psychisch auffällig werden. Auch in diesem Punkt sollte eine am Sachverhalt angelehnte Demokratisierung stattfinden und eine Gleichstellung rechtlich verankert werden. Immerhin reicht psychischer Terror in der postindustriellen Gesellschaft allemal an die physische Züchtigung vorindustrieller Ordnung heran; beides zerstört Person und Persönlichkeit. Staat und Markt hingegen handeln in dieser Hinsicht verantwortungslos und mit der Grobheit eines unmenschlichen Apparats. Leistungsdeckelungen, die Engpässe in der medizinischen Versorgung beinhalten, sind nämlich nie zum Besten der Bevölkerung. Es ist die eine Seite in der wachsenden Notwendigkeit, die Gesundheit zu demokratisieren, indem man das Gesundheitssystem allgemein zugänglich hält und Gegenmaßnahmen gesetzlich unterbindet.

Die andere Seite betrifft Aspekte der Kooperation, Transparenz und Wissensfreiheit, die allesamt machbar wären. Massenweise entbehren die Menschen genau jener Informationen, die sie brauchen würden, um Soma und Psyche angemessen verstehen und ein gesundes Leben führen zu können. Dazu muss nicht gleich der Medizinunterricht in die Schulen wandern. Fest steht jedoch, dass die große Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit unter den Behandelten größtenteils ausgedient haben. Prävention wird staatlich immer noch nicht gebührend gefördert, während Nachbehandlungen Unsummen verschlingen. In Wirklichkeit hat nicht die Patientenschaft sich den Maßnahmen staatlicher Medizin auszuliefern und zu unterwerfen, sondern die Ärzteschaft ihre klassischen Abfertigungsstrategien zu überdenken, die zu einer Vertrauenskrise geführt haben. Wohl oder wehe muss sie selbst kooperativer, transparenter und informativer werden. Immer besser informierte Patienten stehen immer desinteressierteren Ärzten gegenüber, denen strukturell gesprochen auch die Zeit fehlt, ihrer Kundschaft die Wahrnehmung von Fremdbestimmtheit in gesundheitlichen Belangen zu nehmen. So bekommt man Blutbefunde, deren Kürzel für Laien nicht entzifferbar sind und das Erlebnis der Unwissenheit und Abhängigkeit nur verstärken.

Die Hoheit über die eigene Gesundheit wird im Zuge der Digitalisierung ohnehin schrittweise zurück in die Hände der Betroffenen gelegt: durch Messungen und dazugehörende Apps aus der Trickkiste der Technik. Fortschritte in der molekularen und vegetativen Diagnostik bringen dies bestens zum Ausdruck. Die Messung der Herzratenvariabilität untersucht mit einfachen Mitteln von Elektroden und einer Software zur grafischen Darstellung gesammelter Daten das Befinden des vegetativen Nervensystems, so dass es auch ohne ärztliche Unterstützung nunmehr möglich geworden ist, den gesundheitlichen Allgemeinzustand festzustellen und entsprechend zu veranschaulichen. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms wiederum ermöglicht seit langem schon die Erstellung personalisierter genetischer Profile zur Anpassung therapeutischer Interventionen – soweit der geschichtliche Trend. Nichts davon hat sich durchgesetzt. Es scheitert an den Interessen des Kapitals und seinem Zwang zur Profitmaximierung.

Ein anderer Teil desselben Demokratiedefizits ist, dass wissenschaftliche Publikationen meist nicht frei erhältlich und daher klinische Studien, als stünde eine Art Standesdünkel dahinter, einem breiteren Publikum nicht zugänglich sind. Dadurch werden Wissenslücken unter den Leidtragenden und Interessierten unnötigerweise aufrechterhalten und, anstatt die Eigenverantwortung zu stärken, den Gefahren falscher Selbstmedikation und schiefer Eigendiagnosen Tür und Tor geöffnet. Patientenrechte machen bei der Patientenpartizipation dennoch nicht halt. Der demokratische Menschen sollte wenigstens minimal befähigt werden, passende Urteile über seine eigene Gesundheit treffen zu können.

Showdown

Eine Vernachlässigung der vielfältigen Schwächen des Gesundheitssystems mag irgendwann zu einem sozialen Bedrohungsszenario anschwellen. Aberwitzig absurde Situationen brauen sich auf diesem Wege zusammen: Wie Krankenhauskeime auf einer Mikroebene beweisen, gibt es einen Zusammenhang zwischen Generika und Antibiotika-Resistenzen, da manche von ihnen häufiger verschrieben werden, sobald erst der Preis eines bestimmten Generikums wegen des ablaufenden Patents sinkt. Wirtschaftliche, abstrakte Überlegungen haben demnach den recht realen Effekt, auf Umwegen den Superbazillus hervorzubringen. Will man das?

Auf einer Makroebene gleitet die Gesellschaft in eine institutionell begünstigte Gerontokratie ab, in der nur noch den Alten Hilfe in Form von lindernder Symptombekämpfung zuteilwird, während die Jungen aufgrund fehlender Aufklärung und mangelnder Möglichkeiten zur Eigenmessung in ihr lebendiges Unglück rennen. Ihnen werden Heilungsangebote, Kuraufenthalte und präventive Hilfeleistungen auf Staatskosten für gewöhnlich untersagt – was auf eine Senkung ihrer Lebenserwartung bei gleichzeitiger Überalterung der Gesellschaft hinausläuft. Schneller, besser, mehr sollen sie arbeiten, auch um den Preis ihres persönlichen Untergangs. Der Gebrauch von Aufputschmitteln und Drogenmissbrauch dämpfen vorübergehend den Knacks, bevor es irgendwann knallt.

Das Resümee ist alles Andere als berauschend: Der Erkennungszeitraum für körperliche Erkrankungen und seelische Beschwerden wird durch Top-Down-Entscheidungen – vom Gesundheitsminister ohne ein Medizinstudium bis zum bürokratisierten Ordinarius – mehr oder minder sabotiert, die medizinische Behandlung angesichts des Pensions- und Generationenvertrags gesellschaftlich widersinnig gestreut. Europa wird, so gesehen, zum Irrenhaus und Altersheim des Planeten. Die ersten Generationen, deren Kinder vor ihnen selbst ausbrennen oder sterben, kündigen sich vielleicht vor unseren Augen an.

Biografie

Mladen Savic, geboren 1979 in Zagreb, 1998 übersiedelt nach Kanada, Studium der Philosophie in Lennoxville, 2007 zurück nach Österreich. Freischaffender Autor, Essayist, Lektor und Übersetzer sowie Laienschauspieler am integrativen Wiener Vorstadttheater. Ausbildung zum internationalen Wahlbeobachter im Rahmen des "EU Civilian Crisis Management" 2011 in Stadtschlaining. Arbeitet derzeit als Pädagoge und Flüchtlingsbetreuer, ist zugleich aber geschäftsführender Partner in der Textagentur „textlagune“. Savic ist Mitglied im österreichischen PEN-Club und lebt in Wien.

Veröffentlichungen in: Augustin, Literatur und Kritik, Versorgerin, Streifzüge, Global Player, Hinter den Schlagzeilen, Die Presse, Untergrundblättle, Mosaik-Blog, Die Freiheitsliebe, Putevi, Krajina etc. und in einem Gedichtband namens „Südostwind: Anthologie der Migration aus Südosteuropa, den Balkanländern“ sowie 2016 im Buch „Mücken und Elefanten. Essays, Reflexionen, Polemiken.“ (Drava-Verlag, Edition TRI). Heuer erscheint zudem sein Prosa-Werk “Alltagserlebnisse” (Taschenspiel-Verlag).

Fotoreferenzen:
Titelbild: Mladen Savic
Pillen: fotolia 118831492
OP-Saal: fotolia 76406533
Gesundheitsindex: www.equalitytrust.org.uk
Ärztestreik: Agence France Presse (AFP)
Wordcloud: fotolia 72143523

Fragen

Seka , 05.10.16 | 13:03
Ein sehr, sehr interessante Text. Inspirierend.

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